Die Blütephase ist die spannendste Zeit des Grows — hier entstehen die eigentlichen Blüten, für die du monatelang Wasser geschleppt, das Klima justiert und Pflanzen umsorgt hast. Wer versteht, was in welcher Woche biologisch passiert, kann Pflege, Düngung und Klima gezielt anpassen, statt nur zu reagieren, wenn etwas schiefläuft.

Kurz zusammengefasst

Bei photoperiodischen Sorten startet die Blüte, sobald der Lichtzyklus auf 12 Stunden Licht und 12 Stunden ununterbrochene Dunkelheit umgestellt wird. Die Gesamtdauer variiert je nach Sorte, meist zwischen 7 und 10 Wochen — manche sativa-lastigen Genetiken brauchen auch deutlich länger.

Was biologisch passiert, wenn du auf 12/12 umstellst

Cannabis ist eine sogenannte kurztagabhängige Pflanze: In der Natur signalisiert die längere Dunkelphase im Spätsommer/Herbst der Pflanze, dass die Wachstumssaison zu Ende geht und sie sich fortpflanzen muss, bevor der Winter kommt. Diesen Trigger simulierst du im Zelt künstlich mit dem 12/12-Lichtzyklus. Die ununterbrochene Dunkelphase ist dabei kein netter Zusatz, sondern das eigentliche Signal — schon eine kurze Lichtunterbrechung mitten in der Nacht (offene Zelttür, Handy-Licht) kann die Pflanze verwirren und zu Stress, verzögerter Blüte oder im schlimmsten Fall zu Zwitterbildung führen.

Woche 1–2: Der Streck

Nach der Umstellung auf 12/12 wächst die Pflanze zunächst kräftig in die Höhe — oft verdoppelt oder verdreifacht sie ihre Größe. Diesen „Streck“ muss man beim Platz im Zelt einkalkulieren, sonst stößt die Krone unangenehm nah an die Lampe. Erste weiße Blütenhaare (Stempel) an den Knoten zeigen den Übergang in die Blüte an. Sativa-lastige Sorten strecken sich in der Regel deutlich stärker als indica-lastige — ein Grund mehr, sich vor der Blüte mit der Sortenwahl fürs kleine Zelt zu beschäftigen.

Woche 3–4: Blütenansätze bilden sich

Die Streckung klingt ab, an den Triebspitzen und Verzweigungen bilden sich die ersten kompakten Blütenansätze. Jetzt steigt der Bedarf an Phosphor und Kalium, während Stickstoff zurückgefahren wird — Blütedünger sind entsprechend zusammengesetzt (deutlich niedrigerer N-Wert, höherer P- und K-Wert im NPK-Verhältnis). Wer jetzt noch mit Wachstumsdünger weiterfüttert, riskiert lockere, „blättrige“ Blüten statt kompakter Kolben.

Woche 5–6: Die Blüten legen an Masse zu

Die Blüten werden dichter und schwerer, das Aroma nimmt spürbar zu — für viele Grower der Moment, in dem die Wohnung plötzlich nach mehr riecht, als der Nachbarschaft lieb ist. Eine gute Geruchskontrolle über den Aktivkohlefilter wird jetzt wichtig, ebenso ein ausreichend dimensionierter Abluftventilator. Die Luftfeuchtigkeit sollte man reduzieren, um Schimmel in den dichter werdenden Blüten vorzubeugen.

Schimmelgefahr steigt

Je dichter die Blüten, desto höher das Risiko für Blütenfäule (Botrytis). In dieser Phase Luftfeuchtigkeit möglichst unter 50 % halten und für gute Luftbewegung sorgen — ein Umluftventilator zwischen den Zweigen ist hier oft der entscheidende Unterschied zwischen einer sauberen Ernte und fauligen Kolben.

Woche 7–8: Reifung

Viele Stempel färben sich von Weiß zu Orange/Braun und ziehen sich ein. Die Trichome — die winzigen, pilzförmigen Harzdrüsen auf den Blütenblättern — wechseln von klar zu milchig und später teils bernsteinfarben. Das ist das eigentliche Signal, dass die Reife naht, viel zuverlässiger als die Stempelfarbe allein. Wie man den optimalen Zeitpunkt bestimmt, zeigt der Guide zum Erntezeitpunkt und Trichome lesen — im Zweifel lohnt sich eine Lupe oder ein kleines Mikroskop, denn mit bloßem Auge lässt sich der Trichomstatus kaum sicher beurteilen.

Spülen vor der Ernte

In den letzten ein bis zwei Wochen setzen viele Grower auf das „Spülen“: Statt Dünger gibt es nur noch klares (pH-angepasstes) Wasser, damit die Pflanze eingelagerte Nährsalze abbaut und verstoffwechselt. Das kann sich positiv auf Geschmack und Verbrennung auswirken — mehr dazu im Artikel Spülen / Flushing.

Klima in der Blüte

Parameter Empfehlung Blüte
Temperatur Tag 20–26 °C
Temperatur Nacht etwas kühler, nicht unter ~16 °C
Luftfeuchtigkeit früh in der Blüte 45–55 %
Luftfeuchtigkeit späte Blüte 35–45 %, sinkend zur Reife
Licht 12 h an / 12 h ununterbrochen dunkel

Typische Anfängerfehler in der Blüte

  • Zu spät auf Blütedünger umstellen — die Pflanze bekommt weiter zu viel Stickstoff und bildet lockere statt dichte Blüten.
  • Lichtdichtheit des Zelts unterschätzen — jede undichte Stelle während der Dunkelphase kann Stress und Zwitterbildung auslösen.
  • Zu spät ernten, weil man „noch ein bisschen mehr Harz“ abwarten wollte — überreife Blüten verlieren an Wirkstoffprofil und werden eher couchlastig statt ausgewogen.
  • Luftfeuchtigkeit in der Spätblüte nicht senken — die häufigste Ursache für Schimmel kurz vor der Ernte.
Profi-Tipp

Führe ab Blütewoche 5 ein kurzes Tagebuch mit Fotos der Trichome (per Lupe) alle paar Tage. So entwickelst du ein Gefühl dafür, wie schnell sich der Trichomstatus bei deiner konkreten Sorte und deinem Klima verändert — Erfahrungswissen, das dir bei der nächsten Ernte bares Geld in Form von besserer Qualität spart.

FAQ

Wie lange dauert die Blüte insgesamt?
Je nach Sorte zwischen 7 und 10 Wochen bei photoperiodischen Genetiken, manche sativa-lastigen Sorten brauchen auch 11–12 Wochen. Autoflowering-Sorten folgen einem eigenen, kürzeren Zeitplan — siehe Autoflower-Anbau-Guide.

Muss ich die Temperatur nachts wirklich senken?
Ein moderater Tag-Nacht-Unterschied ist natürlich und kann sich positiv auf Farbausbildung und Aroma auswirken, ist aber kein Muss — wichtiger ist, dass es nicht zu kalt wird und die Luftfeuchtigkeit stabil bleibt.

Was, wenn meine Pflanze während der Blüte plötzlich wieder neue weiße Haare bildet?
Das ist meist ein Zeichen von Stress (Lichtleck, Temperaturschwankung, Nährstoffproblem) und kein Grund zur Panik, sollte aber zum Anlass genommen werden, Klima und Lichtdichtheit zu überprüfen.

Fazit

Die Blüte folgt einem klaren Rhythmus: erst der Streck, dann Blütenansatz, Massezuwachs und schließlich die Reife. Wer Düngung von Stickstoff auf Phosphor/Kalium umstellt, die Luftfeuchtigkeit senkt und die Trichome im Blick behält, erntet zum optimalen Zeitpunkt.

Was hier nach acht Wochen in Kurzform steht, ist in der Praxis ein Wechselspiel aus Beobachtung, Feintuning und Geduld, das sich von Sorte zu Sorte unterscheidet. Ein ausführlicher Video-Guide, der die Blütephase Woche für Woche mit echtem Bildmaterial begleitet, ist Teil des kommenden Kursbereichs — für alle, die tiefer einsteigen wollen, als es ein Artikel leisten kann.